Neulich sitze ich an den Dialogen für die nächsten Folgen von Gert & Grendil und mache mir so meine Gedanken darüber, wie viel Zeit oft zwischen den einzelnen Strips vergeht, wie schwer es manchmal sein muss, die gesamte Story noch nach so langer Zeit und mit so vielen Unterbrechungen nachvollziehen zu können und wie Webcomiczeichner reale Zeit eigentlich in ihre Geschichten mit einbeziehen…

Ich komme (für mich) zu ein paar Erkenntnissen, die ich Euch an dieser Stelle aber nicht vorenthalten möchte:

In gedruckten Comics ist es so, dass der Zeichner/Autor vor allem die Zeitspannen clever zu überbrücken  (oder einzuschmelzen) hat, die der Leser mit dem Umblättern oder dem Seitenwechsel verbringt. Aber es gilt weniger wirklich messbare Zeiten zu überbrücken oder vielleicht sogar zu nutzen.

Zeit ist aber ein wesentlicher Faktor im Bereich der Webcomics. Zeit, die zwischen den Veröffentlichungen vergeht, Zeit, die zum Erzählen einer Story benötigt wird und natürlich auch Zeit, die zwischen dem letzten Panel des einen Strips und dem ersten des nächsten vergeht.

Zeit als Faktor bei den Veröffentlichungen:
Je nach Webcomicmacher variiert der Rhythmus, in dem neue Strips online gestellt werden. Manche Seiten bieten jeden Tag einen neuen Comic, manche werktäglich, andere aktualisieren ihren Comic nur ein oder zwei Mal in der Woche.
Webcomics sind ein sehr schneller, kurzfristiger Prozess. Auch wenn oft und gern vom Comicpuffer gesprochen wird, entstehen viele der Strips erst kurz vor dem Erscheinungstermin. Der Vorteil, den der Webcomic hier gegenüber dem gedruckten Comic hat ist, dass der Zeichner natürlich schnell auch spontan aktuelle Ideen und Themen in seiner Geschichte anschneiden und verarbeiten kann.
Ein spürbarer Nachteil ist die Tatsache, dass der Leser immer nur einen kleinen Schnipsel der Geschichte lesen kann und so, je nach Abstand zwischen den einzelnen Updates, ein spürbarer Bruch entsteht.

Zeit als Faktor innerhalb des Strips:
Dieser Bruch führt dazu, dass jeder Strip, der auf der Seite erscheint einen möglichst guten, sauberen Abschluss haben muss, der umso wichtiger wird, je länger die Abstände zwischen den Veröffentlichungen liegen. Kann in einem gedruckten Comic ein Spannungsbogen auch gerne mal über eine Doppelseite aufgebaut werden, oder sich sogar über mehr Seiten hin erstrecken, macht es für den Webcomiczeichner normalerweise Sinn, seine Leser nicht am Ende des Strip “unbefriedigt” zurück zu lassen.

Das unsichtbare Panel:
Egal wie groß der Abstand zwischen den einzelnen Veröffentlichungen ist, der Leser nimmt, nachdem er den aktuellen Strip gelesen hat, bewusst Abschied von der Geschichte, um sie zu einem späteren Zeitpunkt ebenso bewusst wieder aufzunehmen. Der Leser befasst sich deutlich aufmerksamer mit dem Schnipsel der Story, den er bekommen hat. Ist er doch schließlich das einzige Storyfragment, welches er für einen messbaren Zeitraum zur Verfügung hat.
Zum Beispiel wird ein Cliffhanger am Ende des Strips abgewägt und der Leser hat Zeit sich Gedanken um den weiteren Verlauf der Handlung zu machen. Vor dem Lesen des nächsten Strip hat er evtl. schon Theorien aufgestellt, wie es weiter gehen wird, hat Vermutungen über die Wendungen usw.

Ich glaube dieser Zeitraum ist ein wesentlicher Bestandteil des eigentlichen Webcomic. Auf diese Weise wäre es zum Beispiel möglich, die Sprünge in der Handlung weiter zu machen als es normalerweise in einem gedruckten Comic innerhalb einer Szene sinnvoll wäre, weil diese bewussten, gezwungenen Risse in der Handlung vom Lesen mit eigenen, bewussten Überlegungen angereichert werden können.
Webcomics werden anders gelesen und ermöglichen den Machern einen geänderten Umgang mit der Zeit. Nicht nur in der Story können andere Sprünge gemacht werden, auch kann auf die Reaktion der Leser direkt reagiert, die Handlung aktuell angepasst und die Spannung oder eine Unterbrechung der Handlung ganz bewusst genutzt werden. Es gibt deutlich mehr Möglichkeiten den Leser mit bewussten Pausen (und nicht gezeigter Handlung) in die Geschichte zu ziehen.

Ich glaube, Zeit zwischen den Strips könnte weniger wie ein Stiefkind behandelt, sondern durchaus geplant und gewollt in die Handlung mit einbezogen werden.

Webcomics sind ein relativ junges Medium und viele der Regeln, die für Printcomics gelten, können nicht auf die gleiche Weise angewendet werden. Zeit und Lesefluss sind da nur Beispiele. Andererseits bietet einem der Webcomic Möglichkeiten, die dem gedruckten Bruder einfach fehlen, die aber bisher nur wenig Anwendung finden.

Auf jeden Fall geht da noch was!

ACHTUNG:
Das hier ist kein Manifest. Sondern es ist eine Sammlung von Gedanken und Ideen, die ich mir um das Entstehen und Lesen von Webcomics gemacht habe. Vielleicht ist es eine Anregung für Macher, das “unsichtbare Panel” einfach mal mit einer kreativen Idee zu füllen, oder für den Lesern sich ein wenig bewusster mit der Aufwändigkeit dieses besonderen Mediums Webcomic auseinander zu setzen.